Der Transfer von Wissen in die Praxis wird auch in Zukunft zentral bleiben

Der Präsident des ibW-Trägervereins, Jürg Michel, der Direktor Stefan Eisenring und der Präsident des ibW-Fördervereins, Martin Candinas, haben sich im Frühjahr 2026 getroffen, um auf das abgelaufene Schuljahr 2025 zurückzublicken.

Jürg Michel, wenn Sie auf das Geschäftsjahr 2025 zurückschauen, sind Sie als Präsident des Trägervereins zufrieden mit dem Ergebnis?
Ja, wenn ich mir das finanzielle Ergebnis anschaue, dann ganz sicher. Wir konnten nach einem eher schwierigen Jahr 2024 nicht erwarten, dass 2025 so gut rauskommt. Es hat gezeigt, dass die Massnahmen, die wir ergriffen haben, gewirkt haben. Unser Ziel war, ein Teil der Defizite, die wir in den letzten drei Jahren geschrieben haben, wieder auszugleichen. Dieses Ziel haben wir erreicht. Da darf ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die ja auch selber verzichten mussten, danken. Der Dank geht auch an die Schulleitung und an meine Kolleginnen und Kollegen im Vorstand, die am gleichen Strick gezogen haben.

Stefan Eisenring, ich nehme an, Sie pflichten bei, oder?
Ja, sicher. Aber ich möchte nicht nur auf die finanzielle Seite blicken, sondern auf die ganze Unternehmensentwicklung. Wir waren nach diesen finanziell schwierigen Jahren gefordert. Stolz bin ich vor allem auf unsere Mitarbeitenden auf allen Stufen, von denen wir sehr viel abverlangt haben. Zum einen mussten wir den Gürtel enger schnallen und gleichzeitig gegenüber unseren Studierenden volle Leistung erbringen, damit diese nichts davon zu spüren bekamen. Dass uns dies so gut gelungen ist, freut mich und die ganze Führung. Wir konnten dort die Bremse anziehen, wo es notwendig war und gleichzeitig Gas geben, um im Markt unsere Position auszubauen. So gelang es uns, mehr Studierende zu gewinnen.

Martin Candinas, als Präsident des Fördervereins haben sie einen anderen Blick auf das Unternehmen. Wie hat sich die Wahrnehmung der ibW aus ihrer Perspektive seit dem letzten Jahr verändert?
Die ibW geniesst in Graubünden, in der Südostschweiz aber auch in der nationalen Bildungslandschaft einen hervorragenden Namen. Das ist zum einen der Verdienst der Geschäftsleitung und des Trägervorstands, zum anderen aber auch von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und speziell von unseren Dozierenden. Wir als Förderverein nehmen keine aktive Rolle im Alltag wahr. Wir sind, wie ich es gerne sage, der Fanclub der ibW, der hilft und unterstützt, wo es nötig ist.

Was waren die zentralen Meilensteine aus dem letzten Schuljahr 2025?
Stefan Eisenring: Oft sind Dinge wichtig, die man von aussen vielleicht gar nicht wahrnimmt. Wir sind in der Vorbereitung – und in Erwartung – des neuen kantonalen Gesetzes zur Höheren Berufsbildung, welches der Kanton Graubünden 2026 voraussichtlich beschliesst und das uns neue Rahmenbedingungen geben wird. In der Vorbereitung auf diesen Schritt haben wir im letzten Jahr viele Arbeiten in der Unternehmensorganisation und in der Unternehmensstruktur vorgenommen und diese Veränderungsprozesse angestossen. Einer davon war, dass wir mit James Cristallo einen Leiter Schulen wählen konnten, der die operative Schulführung neu organisierte. Dieser Entscheid hat uns ermöglicht, auf der Gesamtschulebene grössere Freiräume zu schaffen, um Entwicklungen rascher anzustossen. Im Sog davon gab und gibt es sehr viele kleinere und grössere Veränderungen. Herauszuheben war sicher auch die gesamte IT-Umstellung, die reibungslos ablief und zudem zu erheblichen Kosteneinsparungen geführt hatte.

Jürg Michel, nochmals zurück zum neuen Gesetz zur Höheren Berufsbildung im Kanton: Wie beurteilen Sie als Präsident der ibW den neuen Erlass?
Wir sind der Auffassung, dass eine Schule in der Grösse der ibW mit einer Defizitgarantie, die für den Aufbau der Schule das richtige Instrument war, nicht mehr zu führen ist. Der Weg, wie er jetzt beschritten wird, mit einer Pauschalfinanzierung pro studierende Person, ist in unserem Sinn. Wir sind froh, dass die Regierung unser Anliegen aufgenommen hat und der Grosse Rat mit der Verabschiedung des Gesetzes diesem Antrag zugestimmt hat. Jetzt erhält die ibW die Möglichkeit, Chancen für die Zukunft zu ergreifen, die sie vorher nicht hatte.

Jürg Michel, Präsident Trägerverein

Martin Candinas, Graubünden nimmt mit dem neuen Gesetz schweizweit eine Pionierrolle ein. Hat dies in Bern auf nationaler Ebene auch schon ein Echo geschlagen? Oder ist die Höhere Berufsbildung in der Schweiz insgesamt kein wirkliches Thema?
Der Fokus in Bern liegt derzeit auf den Themen Sicherheit und Finanzen. Die Höhere Berufsbildung gehört auf Bundesebene aktuell nicht zu den Hauptthemen. Das haben wir auch bei der Diskussion betreffend Titeläquivalenz gesehen. Es hat unzählige Jahre gedauert, bis eine Besserstellung bei den Titeln für die Höhere Berufsbildung endlich gelang. So gesehen war das Jahr 2025 ein ausgezeichnetes Jahr für die Berufsbildung. Nach langer Arbeit, auch seitens des nationalen Verbandes, in dem sich Stefan Eisenring seit Jahren engagiert, ist es endlich gelungen, eine Änderung der Berufsbildungsgesetzes vorzunehmen.

Sie sprechen den «Professional Bachelor» an, der voraussichtlich ab Herbst 2026 von Höheren Fachschulen wie der ibW als Titelzusatz für HBB-Abschliessende vergeben werden darf.
Martin Candinas: Es ist wirklich ein Meilenstein auf Bundesebene, dass wir uns durchsetzen konnten. Vor allem von Seiten von Swiss Universities kam starke Opposition gegen die Titelzusätze. Die Universitäten und Fachhochschulen waren der Meinung, dass diese Änderung zu einem Wertverlust ihrer Titel führe und man könne die Bachelor-Titel nicht mehr sauber unterscheiden. Geblieben ist allerdings die Ungleichbehandlung bei der finanziellen Unterstützung der beiden Bildungssysteme auf Tertiärstufe. Da werden wir auch in Zukunft noch grosse Anstrengungen und viele Gespräche führen müssen, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Sparmassnahmen, die in den nächsten Jahren nötig werden. Die Berufsbildung und die Höhere Berufsbildung müssen sich dazu eng koordinieren. Hier gibt es absolut kein Sparpotential.

Wie wichtig ist die Titeläquivalenz in der Praxis? Inwiefern hilft der Zusatz eines «Professional Bachelors»?
Martin Candinas: Wir wissen, dass der Titel gerade in internationalen Firmen entscheidend für die Auswahl oder Entwicklung ist. So gesehen musste ein international verständlicher Titel mit einem vergleichbaren Wert angewandt werden. Damit wird die Höhere Berufsbildung für junge Menschen attraktiver. Ich bin überzeugt, dass Absolvierende der Höheren Fachschulen mit dieser Anpassung bessere Chancen auf dem internationalen Arbeitsmarkt haben. Welche Auswirkungen diese Titel aber genau haben werden, wird die Zukunft weisen.

Die Zukunft ist derzeit an vielen Fronten von Unsicherheit geprägt, wenn man an Themen wie Kriege, KI, Digitalisierung, das neue Gesetz, die Fragen nach der Titeläquivalenz denkt. Kann man von einer fundamentalen Transformationsphase auch für die ibW sprechen? 
Stefan Eisenring: Ja, ich denke schon. Ich glaube, wir sind in einer unglaublich dynamischen Welt. Eine Schule wie die ibW, die eng verzahnt ist mit der Wirtschaft und den gesellschaftlichen Entwicklungen, muss die sich stetig verändernden Herausforderungen laufend annehmen. Wir können zwar nicht in die Glaskugel schauen, aber wir wissen alle, was Basis-Innovationen in der Vergangenheit verändert haben. KI wird alle Branchen treffen und somit auch alle Ausbildungen in der einen oder anderen Form verändern. Wir glauben zudem, dass Partnerschaften, sei es in Verbandsorganisationen oder mit anderen Schulen, noch wichtiger werden. Aus den Möglichkeiten das Optimum herauszuholen ist zukünftig nur möglich, wenn wir uns mit Partnern zusammenschliessen. Die Investitionssummen werden irgendwann so gross sein, dass wir diese allein gar nicht mehr stemmen können. Diese Veränderungen werden uns unglaublich fordern.

Jürg Michel: Das ist so. Als ibW haben wir die Aufgabe, uns auf diese sehr komplexen Situationen einzustellen und dafür zu sorgen, dass wir unsere heute starke Position behalten oder sogar ausbauen können. Das wird uns nicht auf dem Serviertablett geliefert. Da steckt harte Arbeit dahinter. Wir werden in Zukunft Chancen, die wir heute im engen Korsett der Defizitfinanzierung nicht haben, nutzen müssen, um uns zu behaupten. Wir können nur stark bleiben, wenn wir mit den Entwicklungen Schritt halten und für uns das Beste daraus machen.

 

Stefan Eisenring, Direktor

Die Nähe zur regionalen Wirtschaft ist dabei essenziell, oder?
Jürg Michel: Wir sind sehr gut verankert in der regionalen Wirtschaft und wir werden eine unserer Kernkompetenzen nicht aufgeben. Wir müssen aber auch bereit sein, noch mehr über die Kantonsgrenze hinaus zu denken. Unser Wirtschaftsraum hört nicht an der Tardisbrücke auf. Wir sind eine Institution, die nur mit Partnerschaften über die Kantonsgrenzen hinaus seinen Platz halten kann. Das geht manchmal in der politischen Diskussion etwas unter.

Stefan Eisenring: Wir spüren die demografische Entwicklung, das heisst, wir können nicht mit markant steigenden Studierendenzahlen in der Region Südostschweiz rechnen, weil einfach nicht mehr Menschen da sind. Somit muss unsere Entwicklung darauf abzielen, zum einen in der Südostschweiz das Marktumfeld optimal abzudecken und zum andern das Umfeld etwas zu erweitern. Wir merken, dass die Distanzen immer kürzer werden. Die Nähe zu den grossen Zentren wird für uns zur Chance – aber gleichzeitig natürlich auch zum Risiko.

Werfen wir noch einen Blick in die unmittelbare Zukunft: Stefan Eisenring, was ist für Sie das wichtigste Ziel im Jahr 2026?
Unser Kernziel im Jahr 2026 ist, dass wir auf allen Ebenen die Basis für die grossen Veränderungen ab 2027 gelegt haben. Für mich persönlich ist es wichtig, dass alle Entwicklungen auf Basis unserer heutigen Wurzeln erfolgen und es uns gelingt, unsere Dozierenden, Studierenden und unsere Mitarbeitenden mitzunehmen.

Und was ist für Sie besonders bedeutend, Jürg Michel?
Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, dass wir die Vorgaben, die wir vom Gesetz bekommen, umsetzen können. So, dass wir am 1.1.2027 so aufgestellt sind, wie es alle unsere Partner von uns erwarten und wir dann auch Erfolg haben.

Martin Candinas, das letzte Wort gehört dem Präsidenten des Fördervereins.
Alle, die etwas mit der ibW zu tun haben, sind Botschafterinnen und Botschafter für die ibW und für die Höhere Berufsbildung. Die Berufe haben sich immer verändert, aber noch nie so schnell wie heute. Und entsprechend wird die Weiterbildung immer wichtiger. Und darum bin ich überzeugt, dass die ibW eine riesige Chance, aber auch eine grosse Verantwortung hat, um sich als zentrale Bildungsinstitution in der Südostschweiz weiter zu etablieren.

Martin Candinas, Präsident Förderverein